Orkney: Archäologie auf Weltklasse-Niveau

Die Orkney-Inseln liegen rund zehn Kilometer vom schottischen Festland entfernt. Jedes Jahr kommen rund 190 000 Urlaubsgäste hierher. Es gibt zahllose Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Die Besucher kommen zum Wandern, Paddeln und Rad fahren, sie beobachten Seehunde und Papageientaucher oder schlendern durch die Gassen der beiden größten Städte Kirkwall oder Stromness. Besonders interessant ist aber Archäologie auf Orkney.

Steinzeit-Monumente auf Orkney
Orkney: Der Ring of Brodgar

Tausend Jahre alte Begräbniskammer

Der Ring of Brodgar muss den Vergleich mit den Steinkreisen in Stonehenge in Südengland nicht scheuen. Da ist außerdem die gut erhaltene Steinzeitsiedlung Skara Brae oder Maes Howe, eine mehrere Tausend Jahre alte Begräbniskammer aus der Jungsteinzeit, die unter anderem auch dadurch berühmt wurde, dass Wikinger im 12. Jahrhundert die Wände der Grabkammern mit Runenschrift verzierten. Diese prähistorischen Funde auf der Insel gehören zum Weltkulturerbe der Unesco. Das bedeutet Archäologie auf Weltklasse-Niveau www.orkneyjar.com

Die Archäologin Caroline Wickham-Jones arbeitet für die Universität Aberdeen, aber sie wohnt am liebsten auf Orkney, dort, wo sie arbeitet. Und wenn sie morgens aus ihrem Fenster hinaus aufs Meer schaut, dann begleitet sie die Möglichkeit in ihren Arbeitstag, dass da draußen, jenseits von Sand, Schlick und dem felsigen Küstenstreifen, der bei jeder Flut überspült wird, etwas zu finden ist, was genauso faszinierend ist wie der Ring of Brodgar. Oder Stonehenge. Vielleicht sogar etwas, das alles bisher Gefundene in den Schatten stellt.

Steinaxt am Strand von Orkney

Das Interessante an Orkney ist, dass die besten Artefakte mitunter nicht im Museum liegen, sondern am Strand. Vor zwei Jahren fand ein Spaziergänger am Strand eine Steinaxt, die aufgrund ihres Alters für eine kleine Sensation sorgte. Das Werkzeug wird auf ein Alter von über 100 000 Jahre geschätzt und ist damit einer der ältesten von Menschen gemachten Gegenstände, die je in Schottland gefunden wurden. Wurde das Beil auf Orkney hergestellt ? Oder brachten Besucher es auf die Insel ? Wurde so ein Beil für die Jagd auf Mammuts verwendet ? Über solche Fragen können die Wissenschaftler nur spekulieren.

Entdeckung auf einem Acker

Der Farmer Ronnie Simison machte vor Jahren einen der wichtigsten Funde beim Kontrollgang auf seinem Acker. Unter ein paar Felsen fand er eine mehrere Tausend Jahre alte Begräbnisstätte. Das „Tomb of the Eagles“, das Adler-Grab. Die Adlerknochen, die Ronnie Simison neben den menschlichen Gebeinen entdeckte, geben der Begräbnisstätte heute ihren Namen. Simison hat nicht nur durch den Fund einige Berühmtheit auf Orkney erlangt, sondern auch durch seine zupackende Art, mit seiner Entdeckung umzugehen. Als sich nämlich lange Zeit niemand so recht für die seltsamen Steine auf seinem Acker interessierte, griff er selbst zum Spaten, buddelte sich in seiner Freizeit durch die Erde und legte das Grab eigenhändig frei www.tomboftheeagles.co.uk.

Eine Landschaft aus einem „Herr der Ringe“-Film

Wer sich wundert, das die Orkney-Inseln so weit ab von Schuss der heutigen Ballungszentren derart reich sind an Schätzen aus der Frühgeschichte, der muss wissen, dass die Winter mild sind und der Boden fruchtbar. Der Meeresspiegel war deutlich niedriger, so dass Orkney nicht aus einer Vielzahl von Inseln bestand, sondern im wesentlichen aus zwei Hauptinseln. Man stelle sich die ersten Siedler vor, die mit ihren Booten von einer starken Strömung in die geschützte Bucht von Scapa Flow gezogen wurden.

„Die Kliffs sehen heute noch beeindruckend aus, aber mit dem niedrigeren Meeresspiegel damals muss es ausgesehen haben wie eine Landschaft aus einem „Herr der Ringe“-Film“, sagt Wickham-Jones. Hinter der Durchfahrt fanden die Siedler eine ruhige Bucht zum Fischen und Jagen. Das alles ließ Orkney als Wohnort damals ähnlich attraktiv erscheinen heutzutage wie die besten Lagen in München oder London.

Unterwasser-Archäologie auf Orkney

Der Meeresspiegel um Orkney war einmal über 40 Meter niedriger als heute und stiegen erst vor rund 4000 Jahren auf den Stand, den wir heute kennen. Das Phänomen ist in allen Nordsee-Anrainerstaaten, in Norwegen, den Niederlanden und Deutschland ähnlich. Dort beschäftigen sich Archäologen also ebenfalls mit der Frage, was vor Tausenden von Jahren versank und vor allem: Wie man an die Funde herankommt, die in einer Tiefe von bis zu 150 Metern vermutet werden.

Arbeit unter Wasser ist nicht einfach. Auf Orkney werden daher seit einigen Jahren neue Methoden der Unterwasser-Archäologie getestet. Dass die Wahl auf Orkney fiel, liegt an der günstigen geologischen Beschaffenheit des Meeresbodens, den besonderen Bedingungen, die Wellen- und Gezeitenenergie speziell hier schaffen und daran, dass auf der Inselgruppe viel Archäologie zu finden ist, so dass die Forscher sich sicher sind: Wo so viel Steinzeit ist, da muss noch mehr sein.

Am Strand von Orkney: Die Steinzeitsiedlung Skara Brae
Die Steinzeitsiedlung Skara Brae

Die Steinzeitsiedlung Skara Brae an der Ostseite der Insel

An der Ostseite von Orkney liegt Skara Brae. Das ist eine Art Reihenhaussiedlung aus der Steinzeit. Es sieht aus, als hätten die Bewohner ihre Häuser gerade erst verlassen, so gut lassen sich die aus Stein gehauene Bettkästen und Schränke erkennen. Wer sich hier umsieht, der erkennt schnell, dass sich an den wesentlichen Elementen europäischer Innenarchitektur auch in 5000 Jahren nicht viel verändert hat.

Es ist die Verbindung zu der modernen Welt, nach der Wickham-Jones in den Brüchen und Kanten der Steine auf Orkney sucht. „Unsere Vorfahren hatten ähnliche Problemen wie wir heute und wir würden gerne verstehen, wie sie damals damit klar gekommen sind“, sagt sie und meint damit die Lebensbedingungen, die sich durch den Klimawandel und den Anstieg der Meeresspiegel schon bald radikal verändern könnten.

Das Wasser, so viel können die Forscher schon sagen, muss damals verhältnismäßig schnell gekommen sein. Die Steinzeitmenschen sahen, wie der Meeresspiegel im Verlauf ihres Lebens um ungefähr zehn Zentimeter stieg. Den Leuten damals muss klar gewesen sein, dass sich etwas verändert.

Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass ihre Heimat überflutet wird ? Wie haben die Menschen reagiert ? Sind sie weggegangen oder sind sie enger zusammengerückt ? Hat es sie überhaupt interessiert ? Wer diese Fragen beantwortet, der kann vielleicht auch einer modernen Gesellschaft helfen, die Probleme ihrer Zeit zu lösen.

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